Ich suche nichts Bestimmtes…

2dd3c146-40698233„ich suche nichts Bestimmtes“ sagte der Tautropfen zu seinem Nachbarn, der es sich gerade auf einem Grashalm bequem machte und sich in seiner schönsten Form präsentierte, so dass die Sonne durch ihn funkeln konnte….

„Und was machst du, wenn es dir trotzdem begegnet – das Bestimmte? „ fragte der Nachbar

„Hmmm…ich weiß es nicht…“ der Tautropfen rollte nachdenklich hin und her und hin und her….auf seinem Grashalm …streckte sich und rollte sich wieder zusammen…der Gedanke beunruhigte ihn….

Was sollte er tun, wenn er dem begegnete, das er doch gar nicht suchte…war das überhaupt möglich?

Und was, wenn das Bestimmte ihn suchte….?…Sollte er sich verstecken? Schließlich wusste er doch gar nicht, was das Bestimmte dann von ihm wollte

….oder sollte er es so machen, wie der Igel, den er immer heimlich beobachtete und bewunderte – wegen der Eleganz, mit der er sich sein Stachelkleid hüllte, wenn er nicht sehen wollte, was ihn nicht sehen sollte – ohne sich unsichtbar zu machen….

Der kleine Tautropfen überlegte und überlegte – zog sich lang und rollte sich wieder zu einer Kugel und konnte doch zu keinem Entschluss kommen….

„Ich frage einfach mal jemanden, ob er das Bestimmte schon einmal gesehen hat; wenn ich weiß, wie es ist, dann weiß ich auch, was ich tun werde, wenn ich ihm begegne.“ dachte der Tautropfen, während die Morgensonnenstrahlen sich in seinem Glanz badeten….

Ein Schmetterlingsschwarm flog vorbei – bunt und vielfältig und genoss den Luxus der wunderschönen frisch erblühten Wiesenblumen.

„Hey – Ihr da oben – habt ihr vielleicht schon einmal das Bestimmte gesehen? Könnt ihr mir sagen, wie es aussieht und wie es ist?“ – „Klar“ – riefen die Schmetterlinge im Chor…“Klar haben wir das Bestimmte schon gesehen….es duftet wunderschön und manchmal ist es staubig und fliegt mit dem Wind und manchmal schmeckt es so gut, dass man gar nicht mehr aufhören kann, davon zu kosten…wir freuen uns immer, ihm zu begegnen…“, riefen die bunten Falter zurück während sie schon zur nächsten Blumenwiese unterwegs waren…

„Na ..“ dachte sich der Tautropfen, „ Das hört sich gar nicht so schlimm an….“

Plötzlich flog mit lautem Gebrumm eine gemeine Stubenfliege über die Wiese…“Ssssssss ….SS…sss…..ssssssssssssssssssssss…“

„Guten Morgen Frau Fliege“, sagte der Tautropfen; „ wie fliegt es sich denn heute so?“

„ssssssssss…sssssssuuuuuper….ssssss…SSSonnnnnne….s ssss…“ antwortete die Fliege….

„Habe Sie vielleicht schon einmal das Bestimmte gesehen? Wie finden Sie es denn so??“ fragte der kleine Tautropfen…“schließlich, – „ dachte er bei sich, „ kommt eine Fliege ja noch viel mehr in der Welt herum, als ein Schmetterling….

„ssssssSSS“ summte die Fliege…“sssssssicher kenne ich das Bessstimmte…“essss issst an einem langen Sssssssstiel und man musssssss immer aufpasssssssen, dasssssss man nicht darunter gerät….ssssssonst issssst es vorbei……ssssssschrrrrecklich….“ Seufzte die Stubenfliege und leuchtete dabei noch grüner als sonst…..und flog davon….

Nachdenklich rollte der Tautropfen hin und her und kam zu keinem Ergebnis bei der Überlegung, wie es sein konnte, dass das Bestimmte für die einen eine reine Freude und für die anderen so grauenvoll war….wie würde es wohl für den Tautropfen sein…..?

Da räusperte sich der Grashalm, auf dem der Tautropfen ja nun schon eine ganze Zeit hin und her und hin und her rollte….“ Mach dich nicht verrückt…“ sagte er und grinste ihn an…. “ das Bestimmte ist immer so, wie du es dir vorstellst….es heißt ‚das Bestimmte‘ weil du bestimmst, wie es für DICH sein soll….wenn du für dich bestimmst, dass es dein Augenstern ist, dann wird es so sein….bestimmst du aber, dass es dein Untergang ist, so wird auch das eintreffen…wenn du bestimmst, dass das Bestimmte für dich ebenso ist wie für die Schmetterlinge, dann ist es so…entscheidest du dich, dass es für dich so ist, wie für die Stubenfliege….so ist auch das deine eigene Entscheidung – du alleine bist der Bestimmer deines ganz eigenen Bestimmten….“ Der Grashalm wippte nachdrücklich auf und ab im Wind, entspannt und zufrieden im Gleichklang mit seinen Kollegen und grinste der Sonne entgegen…“deshalb musst du es auch nicht suchen, denn es ist bereits vom Anbeginn deines Seins bei dir….“

Mit einem Mal fühlte der Tautrofpen eine ungeheure Kraft und Freude in sich….er wurde immer runder und runder und schillerte in den schönsten Regenbogenfarben….alle Angst vor dem Bestimmten – dem großen unkontrollierbarem Unbekannten, war auf einmal verschwunden, denn er fühlte jetzt ganz deutlich, dass der Grashalm recht hatte: das Bestimmte hatte immer schon zu ihm gehört und nur er hatte die Macht und die Kraft ihm jederzeit eine Gestalt verleihen, die er sich wünschte – er war der alleinige Bestimmer seiner ganz eigenen Bestimmung…

Als er sich darüber klar wurde, war er auf einmal kein Tautropfen mehr, sondern ein Teil der Sonne, die sich in ihm spiegelte und sich durch ihn an ihrer Schönheit erfreute…er war ein Teil des Nebels, der wie Feenflügel über die Felder zog um allen Naturwesen die Botschaften aus der Wolkenwelt zu bringen….er war ein Teil der Wolken, die Spaß daran hatten, alle möglichen Formen anzunehmen und dadurch immer wieder neue Kunstwerke zu schaffen…und er war ein Teil des Windes, der über die Lande zog und so die ganze Welt bereiste…..

Und als er an einem wunderschönen Sonnenregentag als Regentropfen einen Regenbogen hinab rutschte – so wie er es sich als kleiner Tautropfen immer gewünscht hatte – vereinte er sich wieder mit seinem Ursprung – dem großen Wasser…glitzerte wieder im Sonnenlicht, wissend, dass er bestimmt hatte, mehr zu sein als ein Tautropfen – nämlich ein Teil des großen Kreislaufs zu werden, der ihn bewegte, veränderte, mitriss, fliegen ließ und sanft wieder zum Ursprung zurückgeleitete, vertrauend darauf, dass er als Teil des Ganzen niemals verlieren konnte, da das Ganze ohne ihn nicht mehr ganz wäre – und er alleine bestimmte, wie sich jeder Augenblick seines Lebens für ihn anfühlte….

Namaste….SpiritOfWind